Zukunftsüberlegungen


Sinkende Stundenzahl im Fach HausWirtschaft - Dauerthema oder Anlass für Neues?

Ich habe von einem kantonalen Verband der Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen ein Telefonanruf erhalten und anschliessend einige schriftliche Unterlagen. Aufgabe: Würden Sie mithelfen, gegen den massiven Stundenabbau im Fach Hauswirtschaft (und in anderen handwerklichen und gestalterischen Fächern) Widerstand zu leisten?

Selbstverständlich noch so gern! Denn: Leider lernen die Schülerinnen und Schüler in den anderen Fächern vor allem, vorgegebene Ziele zu erreichen. Wichtiger für ein Leben in der modernen Gesellschaft ist es aber, sich selber Ziele zu setzen. Und daraus ein Produkt werden zu lassen. Eine Zeichnung, ein Windrad, ein Menue sind Produkte. Wenn die Lehrkräfte in diesen Fächern die Schülerinnen und Schüler beim Verwirklichen eigener Ziele unterstützen, dann sind das die Fächer der Zukunft.
Für eine gut dotierte Stundentafel im Fach HausWirtschaft spricht ausserdem, dass stundenmässig mehr Haus- und Familienarbeit geleistet wird als Erwerbsarbeit. Dies gilt sicher für die Schweiz und für die umgliegenden Länder. Wahrscheinlich ist es weltweit so. Wir leben von der Haus- und Familienarbeit, persönlich und als Gesamtgesellschaft. Wir leben mehr von ihr als von der Erwerbsarbeit. Und wir leiden massiv, sobald die Arbeit im Haushalt und mit den Kindern qualitativ nicht mehr stimmt - persönlich und als Gesamtgesellschaft.
Vor 20 Jahren war das den allerwenigsten klar. Heute ist dieses Bewusstsein weit verbreitet. Das Bundesamt für Statistik führt inzwischen auch ein spezielles "Konto" zur unbezahlten Arbeit und somit ist dies eine ganz offizielle Tatsache: Die Haus- und Familienarbeit, die HausWirtschaft, ist die grössere Hälfte aller gesellschaftlich bedeutsamen Arbeit.
Wir haben, ein bisschen auch zur Feier des Starts dieses speziellen "Kontos", eine Tagung veranstaltet. Etwa hundert Personen haben daran teilgenommen, unter ihnen viele Lehrerinnen des Fachs HausWirtschaft. Das Bundesamt für Statistik hat uns dieses neue Konto vorgestellt. Ganz zum Schluss hat die Kaderperson des Bundesamtes, die für dieses Konto verantwortlich ist, eine Frage ans Publikum gerichtet: "Was haben Sie nun mit diesen Zahlen im Sinn, die wir Ihnen hiermit vom Bundesamt für Statistik zur Verfügung stellen?" - Grosses Schweigen im Saal. All die Kaderfrauen der HausWirtschaft schwiegen. Niemand hatte eine Idee, wozu ihnen diese Zahlen nützlich sein könnten. Schliesslich kam es immerhin jemandem in den Sinn, zu fragen, was denn andere Bevölkerungsgruppen mit diesen Zahlen machen würden. (Auch für den Tourismus beispielsweise wird ein solches spezielles Konto geführt.) Die Antwort des Bundesamtes für Statistik war kurz und knapp: "Politische Forderungen stellen".
Dabei blieb es. Auch darauf kam keinerlei Reaktion seitens all dieser anwesenden Fachpersonen aus der HausWirtschaft.

Die Fachpersonen der HausWirtschaft - nicht alle, aber offensichtlich das grosse Mehr - werden immer dann, wenn es um die Stundentafeln geht, kurz politisch aktiv. Aber die umfassende politische Verantwortung, die sie als Fachpersonen der HausWirtschaft, als Fachpersonen der grösseren Hälfte aller Arbeit in unserer Gesellschaft, zu tragen hätten, tragen sie nicht. Das ist nicht der einzige Grund, warum sie in unserer Gesellschaft so wenig Gehör finden. Aber es ist einer.

Zusammen mit anderen habe ich versucht, einiges in diese Richtung zu unternehmen: Forschungsprojekte, Tagungen, Vernetzungen, Projekte, Publikationen. Vieles ist gelungen, vieles nicht. Aber es blieb bei alldem das Gefühl, dass niemand von all diesen Fachpersonen, auch kein Gremium, wirklich Verantwortung für die Sache als Ganze übernehmen möchte.

Ich hoffe, nicht missverstanden zu werden. Dieser wohlüberlegte Vorwurf soll eine Herausforderung, soll eine konstruktive Provokation sein, die in ein gemeinsames Handeln münden kann. Aber gesagt sein muss es: Alle Jahre wieder ein leiser Aufschrei, mal in diesem Kanton, mal in jenem, wenn wieder einige Lektionen HausWirtschaft verschwinden - das kann es ja nicht sein.

Die HausWirtschaft braucht

Realistisch sind diese Ziele, sobald die Fachpersonen der HausWirtschaft sie zu ihrer Sache machen. Viel Vorarbeit ist schon geleistet.


12.2.06, Christof Arn



Gerne veröffentliche ich hier weitere Überlegungen und sonstige Reaktionen und Hinweise zu diesem Thema. Bitte einfach per e-Mail zusenden.